Es ist uns wichtig, die Verbindung des Faschismus zum Kapitalismus zu verstehen, verschiedene Formen von Faschismus zu erkennen und daraus eine antifaschistische Praxis zu entwickeln. Es geht im Folgenden Papier also zuerst um die Verbindung von Faschismus und Kapitalismus, dann um verschiedene Formen des Faschismus und schliesslich um unsere antifaschistische Praxis.
2.2.1. Faschismus und Kapitalismus
Bezüglich der Verbindung zwischen Faschismus und Kapitalismus sind zwei Aspekte zentral: Erstens ist der Kapitalismus ein guter Nährboden für den Faschismus, weil er die Gesellschaft spaltet und immer wieder in Krisen gerät. Zweitens ist der Faschismus eine antikommunistische Kraft, die eine reale Gefahr bleibt, solange wir im Kapitalismus leben, da sie in der Krise von Teilen der Bourgeoisie unterstützt wird.
2.2.1.1 Kapitalismus: faschistoide Elemente und Krisenhaftigkeit
Viele Aspekte welche wir am Faschismus kritisieren, finden sich auch im kapitalistischen System. Dies sagen wir weniger, um eine kausale Verbindung zwischen Kapitalismus und Faschismus herzustellen (auf Kapitalismus muss nicht zwingend Faschismus folgen), sondern um den barbarischen, teils faschistoiden Charakter des Kapitalismus aufzuzeigen, der in bürgerlichen Debatten rund um Faschismus selten benennt wird. Der Kapitalismus beruht auf einer Klassengesellschaft – er stellt also Reichtum und Armut her, die Konkurrenz ist eines seiner wichtigsten Prinzipien. Der Kapitalismus, in der Form bürgerlicher Demokratie, ist die Herrschaft des Kapitals, in der der bürgerliche Staat das Gewaltmonopol hält. Der globale Kapitalismus besteht aus Nationalstaaten mit militärisch geschützten Grenzen, welche die Bevölkerung in Inländer:innen und Ausländer:innen und auf viele rassistische Weisen spalten und diese kapitalistischen Nationalstaaten führen seit jeher imperialistische Kriege und betreiben Kolonialismus. Der Kapitalismus ist ausserdem von Krisen geprägt. Gerade die Mittelschicht ist in diesen Krisen vom sozialen Abstieg bedroht und neigt dazu, ihren Ängsten mit der Unterstützung rechter und faschistischer Parteien beizukommen. Oft haben faschistische Kräfte in Krisenzeiten Erfolg, weil sie (mit reaktionärem Programm) Erneuerung versprechen – so geschehen in Italien und Deutschland in den 1920er und 1930er-Jahren, aber auch in den USA 2016 und Brasilien 2019.
2.2.1.2 Faschismus: Feind der Arbeiter:innenklasse
Während der Faschismus vom Bürgertum skandalisiert wird, werden die Grausamkeiten des Kapitalismus normalisiert. Ebenso wird in der bürgerlichen Geschichtsschreibung gerne vergessen, mit welcher Gleichgültigkeit die bürgerliche Demokratie faschistischen Bewegungen während ihrer Entstehung begegnet, wie sehr die kapitalistischen Krisen faschistische Bewegungen erstarken lassen und dass Teile des Bürgertums immer wieder selbst zu Unterstützer:innen des Faschismus werden.
Grundsätzlich kommt der Faschismus aus der sozialen und politischen Mitte: Das Beispiel Deutschlands zeigt, dass die Nationalsozialistische Deutsche Arbeiterpartei (NSDAP) ihre Wähler:innen und Mitglieder zu grossen Teilen aus dem Kleinbürgertum und bürgerlich-nationalen und bäuerlichen Parteien stammten. Das Kleinbürgertum sah sich in der globalen Wirtschaftskrise vom Abstieg bedroht und radikalisierte und faschisierte sich dann. Zu den Wähler:innen der NSDAP gehörten Selbstständige und ihre mithelfenden Familienangehörigen, Beamte, Rentner:innen, Bäuer:innen, aber auch ein reaktionäres studentisches Milieu. Wichtiger für die Schlagkraft von Hitlers Bewegung war die parlamentarische Partei in Kombination mit der paramilitärischen Gewalt auf der Strasse, welche auch propagandistisch genutzt wurde. Letztere rekrutierte sich zu grossen Teilen aus Veteran:innen des ersten Weltkriegs und ist in der Form der Sturmabteilung (SA) als eine Massenorganisation von hunderttausenden und später Millionen von Mitgliedern zu verstehen. In einer krisenzerrütteten Gesellschaft baute Hitler eine offen nationalistische, antisemitische, rassistische und antikommunistische Massenbewegung auf, welche die Demokratie beseitigen wollte.
Nach dem ersten Weltkrieg entwickelten kommunistische Kräfte, inmitten einer riesigen ökonomischen Krise, vielerorts eine grosse Stärke. Nicht nur in Russland, wo sie ab 1917 an der Macht waren, sondern auch in Italien 1921 sowie in Deutschland 1932 war die kommunistische Revolution eine reale Möglichkeit. Angesichts der Krise und der Stärke kommunistischer Kräfte, entschieden sich immer mehr Unternehmer:innen, faschistische Parteien zu unterstützen. Als sich die Faschist:innen als eine Kraft behauptet hatten, welche die Regierungen unter Ausschluss der Linken übernehmen konnten, übergaben die herrschenden bürgerlichen Kräfte Mussolini und Hitler die Macht. Die Faschist:innen waren für einen Teil der Kapitalist:innen und die traditionellen Eliten eine valable Option, die Krise der bürgerlichen Demokratie zu beenden.
Faschistische Bewegungen gingen sowohl in ihren Anfängen, wie auch nach ihrer Machtübernahme immer gegen kommunistische und gewerkschaftliche Strukturen vor. Als Mussolini am 23. März 1919 in Mailand die «Fasci di Combattimento» gründete, tat er dies wortwörtlich mit dem Ziel «dem Sozialismus den Krieg zu erklären […] weil sich dieser dem Nationalismus widersetzte».
2.2.2. Formen des Faschismus
Faschismus trat und tritt in verschiedenen Formen auf. Er ist zuerst eine reaktionäre Bewegung, die sich zum Teil auf der Strasse bewegt und sich als revolutionär gibt. Wenn faschistische Bewegungen erstarken, können sie auf Unterstützer:innen bauen – seien es Teile staatlicher oder militärischer Strukturen, einzelne Kapitalist:innen oder ganze bürgerliche Parteien. In einigen Fällen kommen faschistische Bewegungen an die Macht – immer mit Hilfe der herrschenden Klasse. Im Folgenden führen wir die wichtigsten Elemente der faschistischen Ideologie und die verschiedenen Erscheinungsformen von Faschismus aus. Sowohl die Erscheinungsformen, wie auch die genannten Strukturen bilden keine vollständige Liste. Teile der faschistischen Gefahr sind nicht rundum faschistisch, sondern teilen bzw. begünstigen nur einen Teil der Ziele der Faschist:innen. Solche Kräfte, meist einzelne Parteien, nennen wir faschistoid.
2.2.2.1 Machthungrige Gruppen
Faschistische Ideologie und Praxis setzt sich aus einem Set von spezifischen Elementen zusammen. Faschismus basiert auf einem sozialdarwinistischen, patriarchalen und rassistischen sowie antisemitischen Gesellschafts- und Menschenbild. Faschistische Gruppen haben ein antikommunistisches, antidemokratisches, antiliberales und autoritäres Politikverständnis. Oft ist dieses verbunden mit völkisch-nationalistischen Untergangsprophezeiungen und einem daraus abgeleiteten Erhebungsversprechen für die nationale Erneuerung. Der politische Stil von Faschist:innen ist geprägt von einer autoritaristischen, charismatischen Führer:innenschaft – oft in Kombination mit patriarchal-soldatisch-militaristischer Eigendarstellung als kämpferischer Männerbund. Dazu gehört oft auch der Aufbau von gewalttätigen, mitunter bewaffneter Strukturen.
2.2.2.2 Neue Rechte
Aktuelle Beispiele für faschistische Gruppen, die diese Elemente vereinen sind die mittlerweile aufgelöste Partei National Orientierter Schweizer (PNOS), das bewaffnete, internationale Netzwerk Blood and Honor (B&H) oder Combat 18. Relativ neu in Erscheinung getreten ist hierzulande die Junge Tat (JT) oder die Résistance Hélvétique (RH). Während die PNOS und B&H eher ins «klassische» Bild der Glatzen-Faschos passen, bedienen sich neuere Gruppen wie die Junge Tat eher an der neuen Rechten, also zum Beispiel an Casa Pound Italia oder an den Identitären (Frankreich).
Gruppen wie Casa Pound oder die Identitären versuchen sich als Rebellen zu inszenieren. Das Feindbild ist der vermeintliche Mainstream, die «political correctness» und ein vereinheitlichendes Menschenbild, das von ihnen mal als kommunistisch-internationalistisch, mal als liberal-kosmopolitisch dargestellt wird. Diese Gruppen beziehen sich stark auf die französische Nouvelle Droite und die deutsche Neue Rechte, welche in den 1960er-Jahren entstanden sind. Dazu gehören auch Ideologiefragmente und Slogans wie «Europa der Vaterländer», «Ethnopluralismus», pseudo-antikapitalistischer Antiliberalismus, «0% rassistisch – 100% identitär» und manchmal die Unterstützung (ausgewählter) nationaler Befreiungskämpfe. Faschistische Bezüge werden dabei zwar offen gemacht, aber beispielsweise von Casa Pound stets auf die historische faschistische Bewegung bezogen, nicht auf die faschistischen Regimes Mussolinis und Hitlers («Faschisten des dritten Jahrtausends»).
Rechte Normalisierung, «Tabubruch», «nationalrevolutionäre» Propaganda und ein bewusstes Verwischen der Grenzen zwischen «linker und rechter» Bewegung, Ästhetik und Agitprop machen diese Bewegungen schwerer fassbar und werden von der bürgerlichen Presse auch seltener skandalisiert. Als «unterdrückte Weisse im eigenen Land» (Stichwort «white genocide» bzw. «Deutschland schafft sich ab») kann die Neue Rechte auch negative Berichterstattung gut wegstecken («Lügenpresse») oder gar Versuche, ihre Politik zu kritisieren, als Bestätigung ihrer «rebellischen, nonkonformen» Art einsetzen.
2.2.2.3 NSU
Zu erwähnen ist natürlich auch der Nationalsozialistische Untergrund (NSU), welcher in Deutschland über Jahrzehnte hinweg migrantische Personen hingerichtet hat. Dies ist eines der wichtigsten Beispiele einer modernen faschistischen Organisation, weil sie erstens zeigt, wie mörderisch die faschistische Ideologie ist und weil sie zweitens vom Staat über Jahrzehnte nicht an ihren Aktivitäten gehindert und durch Teile des Verfassungsschutzes sogar unterstützt wurde. Der Wille des bürgerlichen Staates die arbeitende Klasse in «Deutsche» und «Ausländer:innen» zu spalten, findet in solchen Ereignissen seine unverhüllteste Form. Ebenfalls ist es wichtig, auf die tausenden von rassistischen und faschistischen (Mord-)Anschlägen auf Geschäfte, Imbisse, Shisha-Bars und Unterkünfte hinzuweisen, welche meist unaufgeklärt bleiben, aber zweifellos als Produkt der weitverbreiteten faschistoiden und faschistischen Ideologien und Strukturen in Deutschland aber auch anderswo aufzufassen sind.
2.2.2.4 Faschistische Parteien
Neben faschistischen Strukturen ausserhalb der institutionellen Politik gibt es auch Parteien, welche parlamentarisch aktiv sind und dennoch sehr offen faschistisch auftreten. Dazu gehören beispielsweise die Goldene Morgenröte aus Griechenland oder die Nationaldemokratische Partei Deutschlands (NPD). Diese Parteien sind immer auch mehr oder weniger offen mit eigenen oder befreundeten Prügeltruppen unterwegs. Der Parlamentarismus hilft ihnen in Fragen der Propaganda und der Zugänglichkeit. Historisch gesehen ist die Strategie faschistischer Parteien, ihre Partei mit bewaffneten Gruppen inner- und ausserhalb des Staates zu verbinden sowie der eine Massenbewegung aufzubauen.
2.2.3 Mächtige Freunde
Die faschistischen Gruppen und Organisationen können in vielerlei Hinsicht auf die Hilfe des bürgerlichen Staates zählen. Der bürgerliche Staat ist her faschistischen Kräften gegenüber nicht grundsätzlich abgeneigt, weil die Faschist:innnen, entgegen den eigenen Behauptungen, keine Revolutionäre sind.
2.2.3.1 Faschistische Strukturen im Staat
Das beste Beispiel für faschistische Strukturen innerhalb eines Staates ist das Netzwerk Nordkreuz, welches in Deutschland aufgeflogen ist. Nordkreuz ist ein faschistisches Prepper-Netzwerk, in welchem sich jahrelang unter anderem Soldat:innen, Polizist:innen und Behördenmitarbeiter:innen vernetzten. Dieses Netzwerk ist an verschiedenen Orten in ganz Deutschland weiterhin aktiv – es legte unter anderem Todeslisten mit zu exekutierenden Linken an und bereitete hierfür und für weitere Szenarien Waffen, Munition und Leichensäcke vor. Es ist davon auszugehen, dass es auch in der Schweiz und anderswo ähnliche Netzwerke gibt. Ob von leitenden staatlichen Stellen geduldet oder aktiv eingebunden – die Verstrickung staatlicher und faschistischer Strukturen sind wichtig für antifaschistische Analysen sein.
2.2.3.2 Faschistoide Parteien
Einen grossen Beitrag zur allgemeinen Normalisierung faschistischer und faschistoider Ideologie und Praxis leisten faschistoide Parteien wie das Rassemblement National (RN, ehemals Front National) in Frankreich, die Lega Nord in Italien oder die Alternative für Deutschland (AfD). Hierzulande erfüllt die Schweizerische Volkspartei (SVP) diese Funktion. Die SVP ist aufgrund ihrer wirtschaftsliberalen Haltung und breiten Unterstützung verschiedener Schweizer Kapitalfraktionen zur wählerstärksten Partei der Schweiz geworden. Ihre fremdenfeindlichen, nationalistischen, rassistischen Positionen sind derart deutlich, dass sich auch eine grössere faschistoid denkende Masse in ihr repräsentiert fühlt.
2.2.2.4 Faschist:innen an der Macht
Zu den aktuellsten Beispielen für Faschist:innen an der Macht sind Recep Tayyip Erdoğan in der Türkei und Jair Bolsonaro in Brasilien. Erdoğans Politik ist autoritär, repressiv, islamistisch-fundamentalistisch, patriarchal, sexistisch, homophob und rassistisch. Die Unterdrückung der Kurd:innen sowie kommunistischer Kräfte sowohl innerhalb, als auch ausserhalb der türkischen Grenzen sind Ausdruck seiner faschistischen Politik. Der Krieg gegen Rojava ist der Angriff auf das progressive, mächtige Projekt, das sich seiner Macht widersetzt und dient, wie schon bei Mussolini und Hitler, auch der Propaganda gegen Innen, also der Mobilisierung im eigenen Land. Bolsonaros Politik hat sich zuletzt durch die Millionen von Corona-Toten gezeigt, aber auch durch die massive Repression in proletarischen Vierteln (Favelas), durch eine Steigerung rassistischer und homophober Angriffe und die Vertreibung Indigener zwecks Rodung des Amazonas. Gerade letzteres zeigt, ebenfalls typisch für faschistische Regierungen, wie Bolsonaro für Kapitalist:innen ein sehr guter, effizienter Verbündeter sein kann. Nachdem Bolsonaro 2019 das Amt des Präsidenten übernahm, stiegen die Aktienkurse in São Paolo massiv an. Das Kapital liebt ihn, weil er mit Linken und Indigenen nicht zimperlich umgeht und wirtspolitisch voll auf die Interessen der Privaten eingeht.
2.2.3. Antifaschistische Praxis
2.2.3.1 Gegen die Neue Rechte
Eine treffende Bezeichnung faschistischer Bewegungen ist: Revolutionär in der Form, konservativ im Inhalt. Faschistische Gruppen versprechen früher wie heute eine Neuerung, sind aber politisch extrem rückschrittlich. Als Antifaschist:innen müssen wir die neuen «revolutionären» Formen, welche zum Teil schicker und weniger Haudrauf-mässig daherkommen, entlarven.
2.2.3.2 Antipatriachale Perspektiven
Vor allem neuere faschistische Organisationen verstecken und legitimieren ihr Gedankengut oft mit dem vermeintlichen «Kampf gegen oben» oder gegen die sogenannte «Elite». Spätestens aber beim Blick auf die auf die von ihnen propagierten Geschlechterbilder oder Familienvorstellungen werden ihre reaktionären Inhalte offensichtlich. Für uns ist es wichtig, antifaschistische und antipatriarchale Positionen miteinander zu verbinden – sowohl inhaltlich, als auch praktisch. Die antifaschistische Bewegung bezieht somit in ihren Positionen klar Stellung gegen antiemanzipatorische und sexistische Positionen. Bei antifaschistischen Recherchen wird auch ein Augenmerk darauf gelegt, das patriarchale Weltbild der Faschist:innen zu fassen und zu thematisieren. In der Praxis ist Antifa-Arbeit dann erfolgreich, wenn sie den Nazis Kontra geben kann. Dabei soll die Antifa aber einen klaren Gegenentwurf zum reaktionären Mackertum bilden und sowohl strukturell, als auch von der Aussenwirkung her nicht den nächsten Männerbund kreieren.
Ironischerweise gibt es gerade in der Antifa immer wieder Tendenzen, das Bild des:der gestählten Strassenkämpfer:in zu idealisieren und diejenigen Arbeiten im Strassenkampf abzuwerten, welche nicht ganz so sichtbar oder nicht ganz so explizit militant erscheinen. Im Gegensatz dazu ist es uns wichtig, Aktionsformen zu finden, an denen sich alle mit ihren Fähigkeiten beteiligen können. Dies unabhängig vom Geschlecht und ohne, dass gewisse Aufgaben auf- oder abgewertet werden. Dazu gehört auch das Bewusstsein, dass Antifa nicht nur Strassenkampf bedeutet. Es geht ebenso darum, Ideologien zu bekämpfen, Aufklärung zu betreiben und vor allem auch eigene Vorstellungen von einer freien Gesellschaft aufzubauen und zu propagieren.
Da es aber an gewissen Tagen einfach nicht anders geht, als mal jemandem eins auf die Nase zu geben, versuchen wir alle Fähigkeiten und alle Geschlechter gleichberechtigt an allen Aktionsformen zu beteiligen können. Dazu gehört für uns, Aktionen sorgfältig vor- und nachzubereiten und unseren Strategien genug Zeit und Raum für die Entwicklung zu geben. So können Verhaltensweisen, die patriarchale Geschlechterrollen reproduzieren, eher verhindert werden.
2.2.3.3 Gegen alle Formen von Faschismus
Antifaschismus muss auch revolutionären Antikapitalismus meinen. Wir bekämpfen den Faschismus also einerseits indem wir den Klassenkampf führen. Andererseits bekämpfen wir faschistische Gruppen, in dem wir ihnen das Leben auf vielfältige Weise schwer machen und ihre Handlungsmöglichkeiten einschränken. Wir behalten die Faschist:innen im Auge, zeigen ihre Verbindung untereinander und mit dem Staat auf, nehmen ihre Inhalte auseinander und bekämpfen sie auf der Strasse. Wir denunzieren die faschistoiden Inhalte grosser rechter Parteien und leisten unseren Beitrag auch im Kampf gegen den Faschismus in anderen Ländern. Wir halten dem Faschismus die Klassensolidarität entgegen.
2.3 Internationalismus
2.3.1 Proletarier:innen haben kein Vaterland
Wir orientieren uns an historischen Begebenheiten, um unsere Analysen zu schärfen, positive Bezugspunkte zu finden und uns gegebenenfalls auch abzugrenzen. Gleiches gilt für aktuelle emanzipatorische Kämpfe in anderen Teilen der Welt. Wir sind Teil der Weltarbeiter:innenklasse und unser Kampf richtet sich gegen das kapitalistische System als Ganzes und die Herrschenden weltweit. Trotz grundsätzlich gleicher Klassenlage ist es offensichtlich, dass nicht bloss die Ausprägung der Ausbeutung und Unterdrückung, sondern auch die Intensität des proletarischer Kämpfe global stark variieren. Für uns ist es daher zentral, den Blick über regionale Grenzen hinaus zu richten, von anderen revolutionären Bewegungen zu lernen und einen revolutionären Internationalismus zu pflegen.
Im Kapitalismus der vergangenen rund zweihundert Jahre waren Nation und Nationalismus – wenn auch in unterschiedlichem Masse – stets wichtige Herrschaftsinstrumente. Die Herrschenden ziehen territoriale Grenzen hoch und spalten die globale proletarische Klasse. Der grosse Erfolg, der ihnen dabei bis heute zuteilwird, ändert nichts an der Tatsache, dass der Kapitalismus als weltumspannendes System Bruchlinien produziert, die vor Nationalstaaten keinen Halt machen.
Als autonome Kommunist:innen lehnen wir nationale Befreiung oder die Ideologie des «Sozialismus in einem Land» ab. Dennoch hält uns dieser Positionsbezug uns nicht davon ab, Kämpfe mit «bloss» regionaler Strahlkraft genauer zu betrachten und gegebenenfalls zu unterstützen. Als konkrete Beispiele können hier die revolutionären Bewegungen in Kurdistan oder in Chiapas genannt werden. Beide kämpfen kurz- und mittelfristig für regionale Autonomie und konkrete Verbesserungen für die arbeitende Klasse. Sie tut dies aber mit globaler revolutionärer Perspektive, weshalb wir diese Bewegungen mit grossem Interesse verfolgen und wo möglich solidarisch unterstützen.
Ein revolutionärer Kampf ist immer auch mit Entwicklungs- und Lernprozessen verbunden. Daher können wir emanzipatorische Kämpfe nicht abschliessend charakterisieren und einordnen. Vielmehr unterstützen wir internationale revolutionäre Kämpfe unter dem Primat der Praxis und geleitet durch die Grundhaltung der kritischen Solidarität.
2.3.2 Internationale Solidarität und Antiimperialismus
Die Geschichte der revolutionären internationalen Solidarität reicht bis in die Anfänge der sozialistischen Bewegung zurück. So schrieben Marx und Engels bereits 1848, «dass die Emanzipation der Arbeiterklasse weder eine lokale noch eine nationale, sondern eine soziale Aufgabe ist, welche alle Länder umfasst».
Die Befreiungskämpfe der 1970er Jahre in Asien, Afrika und Lateinamerika führten zu einer neuen Qualität der internationalen Solidarität. Speziell in Westeuropa wurden Forderungen laut, die zuvor lange undenkbar waren. So wurde beispielsweise mit der Parole «Waffen für El Salvador» offen die militärische Unterstützung einer revolutionären Bewegung propagiert. Der Antiimperialismus entfachte auch in Westeuropa einen neuen Zyklus revolutionärer Kämpfe. Auch aktuelle Entwicklungen, wie beispielsweise jene in Kurdistan, zeigen auf, dass revolutionäre Projekte gegen imperialistische Aggressionen verteidigt werden müssen.
Antiimperialismus ohne revolutionäre, emanzipatorische Perspektive hat jedoch nichts per se Progressives an sich. Unser Internationalismus stellt sich darum jedem Chauvinismus entgegen, auch wenn er antiimperialistisch daherkommt. Zentral ist also der emanzipatorische Kampf und nicht der territoriale Bezug.
2.3.3 Solidarität statt Almosen
Der Begriff der Solidarität wird von politischen Kräften aller Couleur verwendet. NGOs, Parteien und Regierungen sprechen von «Solidarität», wenn sie eigentlich ihre postkoloniale «Entwicklungshilfe» meinen – vornehmlich, wenn es um den globalen Süden beziehungsweise die kapitalistische Peripherie geht. Das hat wenig mit unserem Verständnis von internationaler Solidarität zu tun. Wir lehnen den Paternalismus ab, der solchen Geberhaltungen zugrunde liegt. Wir wollen weder die bürgerliche Demokratie noch den Kapitalismus exportieren.
Wir streben einen Internationalismus an, der sich durch Gegenseitigkeit auszeichnet. Wir unterstützen Initiativen und Bewegungen, die sich ebenfalls dem Ziel verschrieben haben Kapitalismus, Patriarchat, Rassismus, Nationalstaaten und andere Herrschaftsformen zu überwinden. Dass dabei nicht selten die materielle Unterstützung im Vordergrund steht, ist angesichts der global ungleich verteilten Ressourcen klar. Gleichzeitig ist es auch logisch, dass sich revolutionäre Bewegungen anderer Regionen inhaltlich weniger auf uns beziehen, da unser politisches Gewicht im globalen Vergleich klein ist. So vollzieht sich die Gegenseitigkeit oft nicht auf gleicher Ebene und trotzdem besteht durch die gemeinsame Ablehnung der kapitalistischen Verhältnisse und den Kampf für eine befreite Gesellschaft eine Verbindung der Solidarität.

