2.4.1 Materialistischer Antirassismus
Wir begreifen Rassismus als Herrschaftssystem, das in enger Verbindung mit Ausbeutung im Kapitalismus steht. Es gab Rassismus schon vor dem Kapitalismus und er weist auch Dynamiken und Logiken auf, die sich nicht aus der kapitalistischen Ökonomie erklären lassen. Aber in seinen jetzigen Ausprägungen können wir Rassismus nur verstehen, wenn wir seine Verbindung zur Klassenherrschaft miteinbeziehen. Die kapitalistische Gesellschaft braucht Rassismus, er erfüllt in ihr zentrale Funktionen. Das heisst nicht, dass Rassismus mit der Abschaffung des Kapitalismus automatisch verschwindet, aber es heisst, dass Rassismus innerhalb der kapitalistischen Gesellschaft nicht verschwinden kann.
Rassismus stützt und legitimiert Kolonialismus und Neokolonialismus, alte und neue Sklaverei, koloniale und neokoloniale Ausbeutung, Repression, das Migrationsregime, imperialistische Kriege, Überausbeutung, die Aushebelung von Arbeitsrechten. Proletarier:innen werden mit rassistischen Zuordnungen markiert, was ihre soziale Position festschreibt. Die rassistische Hierarchisierung der Gesellschaft sichert Teilen der Arbeiter:innenklasse gewisse Privilegien zu, welche diese dann verteidigen. So spielt Rassismus verschiedene Personengruppen innerhalb der Weltarbeiter:innenklasse gegeneinander aus und sabotiert die Klassensolidarität. Rassismus spielt auch eine Schlüsselrolle bei der Ideologie der nationalen Gemeinschaft, die dem Kapitalismus wertvolle Dienste leistet: Immer, wenn die nationale Einheit beschworen wird, wie das in Kriegs- und Krisensituationen zuverlässig geschieht, gehört dazu die rassistische Abwertung der «Anderen», seien diese innerhalb oder ausserhalb der Staatsgrenzen.
Unser Verständnis von Rassismus ist zudem ein historisches: Rassismus ist keine überhistorische Neigung weisser Menschen, sondern erfüllt Funktionen in spezifischen sozialen Anordnungen. Das zeigt sich zum Beispiel daran, dass in der Geschichte unterschiedliche Menschengruppen rassifiziert wurden. Wir müssen die verschiedenen Formen von Rassismus also immer aus der jeweiligen geschichtlichen Lage und aus den Klassenverhältnissen heraus begreifen.
2.4.2 Weder «Klassenreduktionismus» noch Moralismus
Wenn wir Rassismus als eines der wichtigsten Machtinstrumente der Klassenherrschaft begreifen, hat das Konsequenzen für die politische Praxis: Zum einen verbietet es sich, dem Antirassismus eine untergeordnete Rolle im antikapitalistischen Kampf zuzuweisen: Der Kampf gegen Rassismus ist der Kampf gegen ein zentrales Instrument kapitalistischer Herrschaft und ist somit eine unverzichtbare Strategie im Klassenkampf. Vieles, was auf den ersten Blick als rein symbolische «Identitätspolitik» erscheinen mag, zeigt sich bei näherem Hinsehen als Element des Klassenkampfes: Die Klasse wehrt sich gegen rassistische Unterdrückung, dazu gehören selbstverständlich auch Kämpfe um Sprache, Repräsentation und Anerkennung.
Umgekehrt heisst es aber auch, dass wir bei antirassistischer Politik eine Klassenposition für zielführend halten, weil sie dem Antirassismus eine politische Spitze und Schlagkraft verschafft. Die Klassenposition ist ein gutes Mittel dagegen, dass Antirassismus in einer frustrierenden Moralpolitik steckenbleibt oder sich in liberalen Diversity-Programmen verflüchtigt. Aus diesem Grund bemühen wir uns, in antirassistischen Projekten eine klassenkämpferische Perspektive anzuregen. Der bürgerliche Staat ist eine unvermeidlich rassistische Institution, darum ist auch im Feld des Antirassismus eine klare Bruchposition zum Staat wichtig.
2.4.3 Alltagsrassismus und Selbstreflexion
Ein Strang antirassistischer Praxis ist die Nennung vielfältiger Privilegien von Weissen (white privilege), und diverser weisser Verhaltensmuster, die Kritik abwehren und damit den Alltagsrassismus erhalten (white fragility, gaslighting). Für einen revolutionären Antirassismus sind diese Konzepte nicht in jeder Hinsicht ergiebig: Sie beschreiben Rassismus eher, als ihn zu erklären, und ihre Lösungsansätze setzen vorwiegend auf individuelle Reflexion und nicht auf kollektive Kämpfe. Dennoch liefern sie uns wertvolle Werkzeuge, um Rassismus in unserem Alltag und in unserem Denken zu erkennen und zu bekämpfen. Als Linke müssen wir lernen, wie sich Rassismus in unzähligen Alltagserscheinungen reproduziert, wie wir eigene Rassismen anerkennen und abbauen können. Dies ist auch eine wichtige Voraussetzung dafür, dass von Rassismus betroffene und nichtbetroffene Menschen einen gemeinsamen Kampf führen können.
2.4.4 Gemeinsam kämpfen
Der antirassistische Kampf geht uns alle an, er ist eine gemeinsame Sache aller emanzipatorischen Kräfte. Nur im gemeinsamen Kampf kann Rassismus als gesellschaftliches Verhältnis aufgehoben werden. Dennoch macht es einen wichtigen Unterschied, ob Kämpfende selbst von Rassismus betroffen sind oder nicht. In der Geschichte der antirassistischen Befreiung hat die Selbstorganisierung rassifizierter Menschen immer wieder eine Schlüsselrolle eingenommen und wird dies auch in Zukunft tun. Wo Betroffene und Nichtbetroffene gemeinsam kämpfen, haben die Nichtbetroffenen die Verantwortung, sich zum Thema Rassismus zu schulen, ihren Mitmenschen im Kampf gegen Alltagsrassismus zur Seite zu stehen.
Antirassistische Kämpfe können viele Formen annehmen. Antirassismus ist ein wichtiges Element von Migrationskämpfen, was in der Linken manchmal dazu führt, dass ihr Antirassismus sich auf dieses Feld beschränkt. Dies gilt es zu vermeiden.

