Materialistischer Feminismus und antipatriarchale Kämpfe

Feminismus ist ein Kampfbegriff der politischen Befreiungsbewegungen von Frauen und weiterer unterdrückter Geschlechtsidentitäten. Wir Frauen und genderqueeren Personen der Organisierten Autonomie Zürich verstehen uns als materialistische Feminist:innen sowie als revolutionäre und militante Linke. Im Folgenden umreissen wir unsere Gründe für eine autonome Organisierung von Frauen und genderqueeren Personen, beleuchten den Zusammenhang von Kapitalismus und Patriarchat, gehen auf die geschlechtsspezifische Arbeitsteilung ein und erläutern zum Schluss unser materialistisches Verständnis von Geschlecht.

2.1.1 Feministische Selbstorganisierung

Wir finden es wichtig, innerhalb der Organisierten Autonomie Zürich eine feministische Selbstorganisierung aufzubauen, um geschlechtsspezifische Kämpfe im Klassenkampf zu betonen. Zur kapitalistischen Gesellschaft gehört die geschlechtsspezifische Aufteilung der Arbeit und die Trennung in weibliche und männliche Sphären des Sozialen. Die geschlechtsspezifische Arbeitsteilung ist mit den kapitalistischen Produktionsverhältnissen historisch verwachsen. Die Arbeitsteilung wandelt sich mit den Produktionsverhältnissen und nimmt immer neue Formen an. Was bleibt, ist aber die damit einhergehende Diskriminierung und Ausbeutung aufgrund des Geschlechts, sprich aufgrund der zugeschriebenen gesellschaftlichen Rolle.

Patriarchale Unterdrückung hat verschiedene Facetten und entsprechend sind unsere Kampffelder divers und vielseitig: Gegen geschlechtsspezifische Arbeitsteilung, Alltagssexismus, sexualisierte Gewalt, Geschlechterbinarität, Heteronormativität, Transfeindlichkeit, Homofeindlichkeit, gegen Geschlechterrollen, Ausbeutung von Frauen und Queers, feminisierte Arbeit, für reproduktive Selbstbestimmung, für eine nicht-patriarchale, befreite Gesellschaft.

Wir finden es richtig, in antipatriarchalen Kämpfen gemeinsame Nenner zu finden und die vielfältigen Kämpfe zu verbinden. Je nach Kampffeld ist es uns wichtig mit einem bestimmten Subjekt zu agitieren. Zum Beispiel benennen wir das Subjekt Frau, wenn es um Abtreibungen geht. Natürlich sind auch andere Geschlechtsidentitäten von Abtreibungsverboten betroffen, jedoch ist die Politik in dieser Frage in erster Linie – historisch wie aktuell – frauenfeindlich aufgeladen.

Um den revolutionären Kampf voranzutreiben und weiterzuentwickeln, erachten wir es als strategisch sinnvoll, politische Räume für Frauen und weitere unterdrückte Geschlechtsidentitäten zu schaffen. Wenn es beispielsweise um Raumpolitik geht, sei es bezüglich einer Demo, einer Veranstaltung, oder einer Party, sprechen wir von FLINTAQ-Personen, da feministische Räume allen unterdrückten Geschlechtsidentitäten offen stehen sollten. So entstehen Orte der Selbstermächtigung, des Ausprobierens und der Solidarität von Frauen und genderqueeren Personen und ermöglichen es, männerdominierte Strukturen und Dynamiken zu durchbrechen. Diese Räume dienen der Politisierung und Organisierung: Geteilte Unterdrückungserfahrungen führen zu besonderen Widerstandsmomenten, in welchen eine starke Verbundenheit und eine grosse Kraft steckt. Das ist eine Stärke des revolutionären feministischen Kampfes.

Es gibt auch antipatriarchale Kämpfe, die wir mit unseren cis männlichen Genossen gemeinsam führen. Die Frage der geschlechtergetrennten Organisierungsform wollen wir immer wieder neu diskutieren.

2.1.2 Geschlechtsspezifische Arbeitsteilung

Ist ein Kapitalismus ohne patriarchale Unterdrückung denkbar? Sind patriarchale Gesellschaftsstrukturen für die Aufrechterhaltung der kapitalistischen Produktionsweise notwendig? Der Kapitalismus beruht auf der Ausbeutung der arbeitenden Klasse. Bei seiner Durchsetzung machte er sich bestehende Herrschaftsideologien zunutze, um die geschlechtsspezifische Arbeitsteilung zu legitimieren. Gleichzeitig mit der Entstehung der kapitalistischen Produktionsweise erfuhren auch die Geschlechterverhältnisse eine starke Veränderung. Der gesellschaftlichen Produktion in Fabriken stand eine in den privaten Haushalt verdrängte Reproduktion gegenüber, welche Frauen zugewiesen wurde. Damit die Reproduktionskosten der Ware Arbeitskraft möglichst tief bleiben, widerfährt der Reproduktionsarbeit bis heute eine permanente Abwertung und sie wird unsichtbar gemacht. Das heisst, die Teilung der Arbeit in Reproduktion und Produktion und der Aufteilung der übrigen Lebensbereiche in private und öffentliche Sphären, trennt Menschen in Männer und Frauen und die daraus abgeleiteten Geschlechterrollen auf. Die geschlechtsspezifische Arbeitsteilung stellt damit die materielle Grundlage der diskriminierenden Geschlechterverhältnisse dar.

Kapitalismus ohne gesellschaftliche Spaltung ist nicht denkbar. Er bringt immer wieder neue Spaltungsmomente hervor, um das gewaltvolle Herrschaftssystem zu stabilisieren und neue Felder der Überausbeutung zu erschliessen. Eine kapitalistische Ökonomie, in welcher Spaltungen nicht unbedingt der Geschlechterlinie entlang verlaufen, ist durchaus vorstellbar, aber nicht sonderlich wahrscheinlich. Das unsolidarische Merkmal der geschlechtsspezifischen Diskriminierung liegt gewissermassen in der Natur des historisch gewachsenen Kapitalismus und ist heute nicht mehr wegzudenken.

Die geschlechtsspezifische Arbeitsteilung ist in besonderem Masse im Konzept der bürgerlichen Kleinfamilie mit ihren klaren Geschlechterrollen anzutreffen. Frauenunterdrückung und Queerfeindlichkeit sind beide auf den Zusammenhang von Kapitalverhältnis, patriarchalen Strukturen und Kleinfamilie zurückzuführen. Die für die geschlechtsspezifische Arbeitsteilung relevante Zweigeschlechtlichkeit und Heteronormativität wird in der bürgerlichen Kleinfamilie hochstilisiert und damit zur Norm gesetzt. Sowohl Lesben und Schwule, aber auch trans und inter Personen stellen die «Natürlichkeit» dieser Herrschaftsideologien in Frage und bedrohen so die Geschlechterverhältnisse. Die ideologische Verteidigung der Familie seitens der reaktionären Fraktionen der herrschenden Klasse ist darum aggressiv.

2.1.2 Unser Verständnis von Geschlecht

Unsere patriarchale kapitalistische Gesellschaft ist auf allen ökonomischen, kulturellen und psychologischen Ebenen zweigeschlechtlich geprägt. Jedoch erweisen sich «die Geschlechter» – auch das «biologische Geschlecht» – als komplexer. Wir gehen davon aus, dass es ausserhalb sozial-historischer Verhältnisse kein natürliches Geschlecht gibt und dass darum auch keine «ursprüngliche Form» von Sexualität oder Geschlecht existiert. Dennoch sind biologische und anatomische Aspekte zentral, insbesondere die Gebärfähigkeit spielt eine entscheidende Rolle bezüglich der geschlechtsspezifischen Arbeitsteilung und damit verbundener patriarchaler Dominanzverhältnisse.

Auf der anderen Seite stellen wir uns jedoch auch gegen eine Naturalisierung des biologischen Geschlechts. Den Zusammenhang zwischen biologischer Materialität (Gebärfähigkeit), der damit einhergehenden Naturalisierung der «Mutterrolle» und der patriarchalen und teilweise sogar staatlichen Verfügungsgewalt über den Frauenkörper wollen wir jeodoch genau anschauen und benennen.

Wir denken, dass die eigene Geschlechtsidentität eine subjektive Erfahrung ist – sie ergibt sich aus einer Wechselwirkung von gesellschaftlich zugeschriebenen Merkmalen, kulturellen Normen und dem Subjekt selbst. Folglich ist sie veränderbar und formbar – immer im Kontext der konkreten Realität. Geschlecht als Kategorie ist weder rein gesellschaftlich konstruiert, noch biologisch determiniert. Sie ist eine von aussen definierte, soziale Realität, welche uns durch die ökonomischen und materiellen Verhältnisse aufgedrängt wird und der wir uns auf individueller Ebene nicht entziehen können. Deshalb wollen wir jene gesellschaftlichen Verhältnisse verändern, den Menschen die Zweigeschlechtlichkeit aufdrängen. Kämpfe um die Anerkennung von marginalisierten Geschlechtsidentitäten, sowie das Aufbrechen von Normen auf individueller Ebene sind wichtige politisierende Erfahrungen. Die Strategie zur Befreiung von Frauen und genderqueeren Personen kann aber nur eine gesamtgesellschaftliche sein.

2.1.3 Antipatriarchale und feministische Praxis

Sprachpolitische Sensibilisierung ist eine wichtige feministische Errungenschaft. Welche Begriffe und Kategorien verwendet werden, ist Ausdruck des kollektiven Bewusstseins einer Bewegung und dieses wollen wir aktiv mitgestalten. Wir richten unseren Fokus darauf, Antikapitalismus und Klassenkampf in feministischen Initiativen zu stärken. Dafür sind wir in verschiedenen feministischen Zusammenhängen und Bündnissen aktiv. Unsere Praxis reicht von Veranstaltungen bis hin zu direkten Aktionen. Wir wollen dabei die Vielfalt und die Verschränkungen von verschiedenen Unterdrückungsmechanismen im Blick behalten. Auch unsere eigenen Realitäten sind nicht eindimensional, die sich auf eine einzige Unterdrückungserfahrung (Geschlecht) beschränken oder homogenisieren liesse. Sie bleibt stets mit der Klassenposition, Hautfarbe, Herkunft, Mutterschaft, Sexualität, physischen und psychischen Gesundheit etc. verwoben und muss insofern auch in diesen Verschränkungen analysiert und verstanden werden. Wir kämpfen für eine Gesellschaft, in der eine vielfältige und selbstbestimmte Gestaltung von Geschlecht möglich ist. Unser feministischer Kampf ist notwendiger Bestandteil aktueller Klassenkämpfe. Wir greifen die patriarchalen Herrschaftsverhältnisse an und bekämpfen die damit verbundenen kapitalistischen Verhältnisse in all ihren Erscheinungsformen.