2.3.1 Proletarier:innen haben kein Vaterland
Wir orientieren uns an historischen Begebenheiten, um unsere Analysen zu schärfen, positive Bezugspunkte zu finden und uns gegebenenfalls auch abzugrenzen. Gleiches gilt für aktuelle emanzipatorische Kämpfe in anderen Teilen der Welt. Wir sind Teil der Weltarbeiter:innenklasse und unser Kampf richtet sich gegen das kapitalistische System als Ganzes und die Herrschenden weltweit. Trotz grundsätzlich gleicher Klassenlage ist es offensichtlich, dass nicht bloss die Ausprägung der Ausbeutung und Unterdrückung, sondern auch die Intensität des proletarischer Kämpfe global stark variieren. Für uns ist es daher zentral, den Blick über regionale Grenzen hinaus zu richten, von anderen revolutionären Bewegungen zu lernen und einen revolutionären Internationalismus zu pflegen.
Im Kapitalismus der vergangenen rund zweihundert Jahre waren Nation und Nationalismus – wenn auch in unterschiedlichem Masse – stets wichtige Herrschaftsinstrumente. Die Herrschenden ziehen territoriale Grenzen hoch und spalten die globale proletarische Klasse. Der grosse Erfolg, der ihnen dabei bis heute zuteilwird, ändert nichts an der Tatsache, dass der Kapitalismus als weltumspannendes System Bruchlinien produziert, die vor Nationalstaaten keinen Halt machen.
Als autonome Kommunist:innen lehnen wir nationale Befreiung oder die Ideologie des «Sozialismus in einem Land» ab. Dennoch hält uns dieser Positionsbezug uns nicht davon ab, Kämpfe mit «bloss» regionaler Strahlkraft genauer zu betrachten und gegebenenfalls zu unterstützen. Als konkrete Beispiele können hier die revolutionären Bewegungen in Kurdistan oder in Chiapas genannt werden. Beide kämpfen kurz- und mittelfristig für regionale Autonomie und konkrete Verbesserungen für die arbeitende Klasse. Sie tut dies aber mit globaler revolutionärer Perspektive, weshalb wir diese Bewegungen mit grossem Interesse verfolgen und wo möglich solidarisch unterstützen.
Ein revolutionärer Kampf ist immer auch mit Entwicklungs- und Lernprozessen verbunden. Daher können wir emanzipatorische Kämpfe nicht abschliessend charakterisieren und einordnen. Vielmehr unterstützen wir internationale revolutionäre Kämpfe unter dem Primat der Praxis und geleitet durch die Grundhaltung der kritischen Solidarität.
2.3.2 Internationale Solidarität und Antiimperialismus
Die Geschichte der revolutionären internationalen Solidarität reicht bis in die Anfänge der sozialistischen Bewegung zurück. So schrieben Marx und Engels bereits 1848, «dass die Emanzipation der Arbeiterklasse weder eine lokale noch eine nationale, sondern eine soziale Aufgabe ist, welche alle Länder umfasst».
Die Befreiungskämpfe der 1970er Jahre in Asien, Afrika und Lateinamerika führten zu einer neuen Qualität der internationalen Solidarität. Speziell in Westeuropa wurden Forderungen laut, die zuvor lange undenkbar waren. So wurde beispielsweise mit der Parole «Waffen für El Salvador» offen die militärische Unterstützung einer revolutionären Bewegung propagiert. Der Antiimperialismus entfachte auch in Westeuropa einen neuen Zyklus revolutionärer Kämpfe. Auch aktuelle Entwicklungen, wie beispielsweise jene in Kurdistan, zeigen auf, dass revolutionäre Projekte gegen imperialistische Aggressionen verteidigt werden müssen.
Antiimperialismus ohne revolutionäre, emanzipatorische Perspektive hat jedoch nichts per se Progressives an sich. Unser Internationalismus stellt sich darum jedem Chauvinismus entgegen, auch wenn er antiimperialistisch daherkommt. Zentral ist also der emanzipatorische Kampf und nicht der territoriale Bezug.
2.3.3 Solidarität statt Almosen
Der Begriff der Solidarität wird von politischen Kräften aller Couleur verwendet. NGOs, Parteien und Regierungen sprechen von «Solidarität», wenn sie eigentlich ihre postkoloniale «Entwicklungshilfe» meinen – vornehmlich, wenn es um den globalen Süden beziehungsweise die kapitalistische Peripherie geht. Das hat wenig mit unserem Verständnis von internationaler Solidarität zu tun. Wir lehnen den Paternalismus ab, der solchen Geberhaltungen zugrunde liegt. Wir wollen weder die bürgerliche Demokratie noch den Kapitalismus exportieren.
Wir streben einen Internationalismus an, der sich durch Gegenseitigkeit auszeichnet. Wir unterstützen Initiativen und Bewegungen, die sich ebenfalls dem Ziel verschrieben haben Kapitalismus, Patriarchat, Rassismus, Nationalstaaten und andere Herrschaftsformen zu überwinden. Dass dabei nicht selten die materielle Unterstützung im Vordergrund steht, ist angesichts der global ungleich verteilten Ressourcen klar. Gleichzeitig ist es auch logisch, dass sich revolutionäre Bewegungen anderer Regionen inhaltlich weniger auf uns beziehen, da unser politisches Gewicht im globalen Vergleich klein ist. So vollzieht sich die Gegenseitigkeit oft nicht auf gleicher Ebene und trotzdem besteht durch die gemeinsame Ablehnung der kapitalistischen Verhältnisse und den Kampf für eine befreite Gesellschaft eine Verbindung der Solidarität.

