Die Reproduktion der Arbeitskraft und ihre religiöse Moralisierung

Aufruf der Organisierten Autonomie Zürich gegen den «Marsch fürs Läbe» in Oerlikon, 19.09.2026:,D

Es ist wieder so weit: Diesen Samstag zieht ein weiteres Mal der sogenannte «Marsch fürs Läbe» durch Zürich Oerlikon – getragen von einem Bündnis aus über 20 kirchlichen und politischen Organisationen.

Hinter dramatischen Appellen für das «Leben des ungeborenen Kindes» steht die Unterdrückung von Frauen und gebärfähigen Menschen. Abtreibung soll illegalisiert werden; jegliche Lebensformen, die nicht der klassisch-bürgerlichen, schweizerischen Kleinfamilie entsprechen, werden zum Feindbild einer Moral, die diese Lebensweise als «natürliche» Ordnung setzt.

Um besser zu verstehen, wer hinter dem «Marsch fürs Läbe» steht, müssen wir den Gegenstand betrachten, um den sich dessen Forderungen drehen: die Reproduktion in der kapitalistischen Produktionsweise. 

Die Reproduktion bezeichnet die fortlaufende Wiederherstellung der gesellschaftlichen Voraussetzung für die Produktion und somit des menschlichen Lebens. Als Arbeiter:innen müssen wir essen, wohnen, schlafen und uns erholen, um am nächsten Tag wieder auf der Matte zu stehen. Damit diese Gesellschaft auch morgen noch besteht, muss zeitgleich die nächste Generation aufgezogen werden. Im Kapitalismus ist die bürgerliche Kleinfamilie ein zentraler Ort dieser Reproduktion.


Damit die Reproduktionskosten der Ware Arbeitskraft – speziell Haus- und Care-Arbeiten – möglichst tief bleiben, widerfährt der Reproduktionsarbeit bis heute eine permanente Abwertung – sie wird unsichtbar gemacht und nicht durch Lohn vermittelt.

Daraus ergibt sich ein ökonomischer Zwang. Häufig reicht ein einzelnes Einkommen nicht aus, um Lebensmittel, Kleidung und Wohnraum zu kaufen. Die Personen in der Familie geraten in eine gegenseitige Abhängigkeit. Lohnarbeit, putzen, kochen und emotionale Arbeit werden zur Doppelbelastung. Alle diese Aufgaben wurde historisch Frauen und gebärfähigen Personen aufgedrückt. Bis heute erledigen sie Lohnarbeit und unbezahlte Care-Arbeit und sind dadurch zu hohen Pensen beschäftigt, wobei die Care-Arbeit aber nicht entlohnt wird. Und von dieser unbezahlten Arbeit profitiert der Staat.

Der Staat sichert diese Verhältnisse rechtlich ab und organisiert sie. Er betreibt Bevölkerungspolitik mit Subventionen, Kinderbetreuung, Familienrecht und Migrationspolitik. Je nach dem fördert oder beschränkt er dadurch das Bevölkerungswachstum.
Reproduktionsarbeit soll so wenig wie möglich kosten. Deshalb ist Kinder bekommen teuer und ein Armutsrisiko. Denn Unterstützung gibt es nur sehr wenig, Eltern werden allein gelassen.

Hier setzt die Ideologie des «Marsch fürs Läbe» an. Die aus diesen Gründen bedrückende Realität vieler Familien erscheint plötzlich als Gottes ewiger Wille. Christliche Fundamentalist:innen machen diese Verhältnisse mit einem saftigen Anstrich Moral unsichtbar. Propagierte binäre Geschlechterrollen und das Ideal der Kleinfamilie tragen dazu bei, Care-Arbeit als «natürlich» erscheinen zu lassen: als Ausdruck von Mutterliebe, Fürsorge oder persönlicher Verantwortung. Queere proletarische Lebensweisen sind in dieser Ordnung nicht vorgesehen, da sie die Naturalisierung der bürgerlichen heterosexuellen Kleinfamilie entlarven. Gleichzeitig werden auch migrantische proletarische Menschen abgewertet, mit der Funktion, sie in schlecht bezahlte und prekäre Bereiche der Reproduktions- und Care-Arbeit zu drängen. So wird dafür gesorgt, dass auch diese Arbeit möglichst billig bleibt. Religion erfüllt die Funktion, diese Verhältnisse zu rechtfertigen.

Im diesjährigen Aufruf des «Marsch fürs Läbe» soll der Mann «da sein» und Verantwortung übernehmen mit der Frau. Das Appellieren an individuelles Verhalten ändert nicht nur nichts an den Zwängen, sondern schiebt wieder die Verantwortung an die bürgerliche Kleinfamilie ab. Die Entscheidung der Frau, ob sie eine Schwangerschaft austrägt, wird von den Fundis moralisch beantwortet. Diese Vorstellungen sind ideologische Verarbeitung der erwähnten Zwänge und nicht ihr Ursprung.

Richten wir unseren Widerstand gegen die menschenverachtende Ideologie der fundamentalistischen Christ:innen – sowie gegen deren Ursprung.

Für ein selbstbestimmtes und gutes Leben für alle.
Gegen den Kapitalismus.


Fundis raus aus Oerlikon!